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January 16 2013

scallo
18:39

Verunreinigt die deutsche Sprache!

Die deutsche Sprache zu schützen, diese Ziel vertreten ja einige Menschen. Klingt ja auch erst mal gut. Lasst uns das, was uns die Welt vermitteln, erfahren und konstruieren hilft, schützen.

Aber wovor (1) sollen wir sie denn beschützen? Und wer (2) sind überhaupt dieses „wir“? Und was (3) bitte ist die deutsche Sprache?

1: Ja, wovor eigentlich? Davor, dass sie sich verändert? Wodurch verändert sie sich denn? Es stiehlt ja niemand die guten alten Worte und lässt stattdessen neue da. Prinzipiell kann ich meine_n Freund_innen immer noch Buhle_r_n nennen. Ist nicht verboten, keine_r hindert mich daran. Nur irgendwie haben die Leute aufgehört das Wort Buhle_r zu benutzen und jetzt kennt es nicht mehr jede_r.
Es ist also der Gebrauch, der Sprache ändert. Sprache wird aktiv und permanent durch Gebrauch hergestellt. Und so kommen auch neue Worte für alte Dinge oder neue Worte für neue Dinge in Umlauf. Selbstverständlich kenne ich nicht alle Intention der Sprachbewahrenden, ich bin mir aber sicher, dass die meisten sich dann doch wünschen, dass Sprache benutzt wird. 

2: Wer sind „wir“ denn, dass „wir“ „unsere“ Sprache schützen sollen? Offensichtlich beschwören die Sprachbewahrenden eine Identität, die sie durch die gemeinsame Sprache gebildet sehen. Ob es die nun gibt oder nicht möchte ich den Sprechenden überlassen. Auffällig ist jedenfalls, dass sich die Sprachbewahrenden sehr oft über Worte echauffieren, die sie als „fremd“ wahrnehmen. Im 21. Jahrhundert vor allem Anglizismen, im 19. Gallizismen. Allgegenwärtig auch die Kritik an sämtlichen Sprachvarianten, die nicht zur „Hochkultur“ gezählt werden. 
Kiezdeutsch, Ruhrpottslang, Erikative, Rheinische Verlaufsform, Plattdütsch, … Die Liste ist lang.
Die Sprachbewahrenden denken dann über Verbote bestimmter Arten sich zu äußern nach (oder setzen sie auch um). Jede Art Deutsch zu sprechen transportiert bestimmte Inhalte und damit Identitäten, die also nach dem Willen der Sprachbewahrenden nicht sichtbar sein sollen. Stattdessen wird eine scheinbare Reinheit der deutschen Sprache verteidigt. Scheinbar, weil eben diese Sprache das Produkt permanenter Veränderungen, Erfindungen, Weglassungen, und (Re-)Importe ist.
Die Sprachbewahrenden laufen also einer konstruierten Identität hinterher, die sie entweder für essentiell halten müssen – aber trotzdem durch veränderte Rekonstruktion bedroht sehen. Fragt jetzt nicht nach Kohärenz – oder für konstruiert halten und einen bestimmten Zeitpunkt als Blüte wahrnehmen, zu dem die Sprache perfekt war. Wie eine alte stehengebliebene Sprache zur Beschreibung einer veränderten Welt am besten geeignet sein soll, verraten sie leider nicht.
Oder es geht ihnen gar nicht um die Sprache, sondern darum, bestimmte Menschen aus ihrer Idenität auszuschließen und zu „Anderen“ zu machen. Selbstverständlich hat das niemals etwas mit Rassismus, Chauvinismus, (Hetero-/-Cis-)Sexismus, Antisemitismus, Klassismus oder anderen Auschluss- und Unterdrückungsformen zu tun. NOT.

3: Die deutsche Sprache oder was dafür gilt ist also ein Werkzeug, mit dem nicht nur vordergründig die Dinge beschrieben werden, die man auf der ersten Ebene so mitteilen möchte, sondern auf weiteren Ebenen auch festgelegt wird, was es geben kann und soll und was nicht. 
 
Deshalb: Verunreinigt die deutsche Sprache!


p.s.: Und erst wenn 1,2 und 3 geklärt wurden, könnten sich die albernen Sprachbewahrenden überhaupt sinnvoll der Frage widmen, wie die deutsche Sprache überhaupt geschützt werden kann. Ich denke, die möglichen Antworten werden nicht sehr grundrechtekompatibel ausfallen.

p.p.s.: Dieser Text erschien zuerst als Kommentar auf einem ZDF-Blog. Er ist etwas länger geworden und ich habe ein paar Kleinigkeiten verändert, deshalb veröffentlich ich ihn hier noch mal separat. Außerdem hoffe ich auf eine gute Diskussion.

p.p.p.s.: Bitte korrigiert mich, so ich falsch liege, liebe Linguist_innen, Amateur_innen und andere Diskussionfreudige.

July 24 2012

scallo
17:17

Kleiner Rant gegen identitäre Warenkunde

Vorab: Das ist ein Rant. Gut und tief analysiert ist er nicht :)
Eigentlich ist natürlich alles ganz anders verursacht.

In letzter Zeit fällt mir immer häufiger auf, wie oft Menschen das identitäre Element eines Produktes als dessen Hauptfunktion begreifen und die technische nicht mehr von der identitären Funktion trennen. Und das stört mich massiv!

Herr Urbach beschwert sich, irgendwelche Thinkpadjünger_innen führen ihn wegen seiner Apple-Hardware an. Ich kann ihn gut verstehen. Obwohl ich das hier auf einem Thinkpad schreibe. Und auch wieder eines kaufen würde (hach, ein X220 mit IPS wäre toll).
Chandro meinte im persönlichen Gespräch auf die Frage nach technisch ordentlichen Fremdherstellerakkus für Apple Notebooks und Lenovo Thinkpads, dass es ökonomischer Unsinn wäre, in ein 2500 € Geräte einen 30 € Akku zu stecken, um etwas Geld zu sparen.
Qoodoo verweigerte mir vor Monaten, die Spezialschrauben eines iPhone 4 auszutauschen. Und zwar, weil ich danach kein Original-Ersatzteil einbauen würde. Wohlgemerkt selber einbauen würde. Als gelte es die Reinheit des Produktes gegen meinen eigenen Willen zu bewahren. Nicht, dass ich es von Qoodoo mit meinem Ersatzteil machen lassen wollen würde. Das könnte ich auch nachvollziehen, für ein schlechtes Ersatzteil würde ich auch nur ungern haften wollen.

Nein, da erzählt mir der Mensch hinter der Theke davon, dass ich ja in einen Mercedes auch keine chinesische Wasserpumpe einbauen würde. Auf meine Erwiderung, dass die typischen Fremdherstellerautoteile aus Deutschland und der Türkei kämen und dass es sicherlich tausende Mercedes-Autos mit Fremdherstellerwasserpumpen in Berlin gäbe und es ja eigentlich auch völlig irrelevant wäre, wer die Pumpe hergestellt hat, solange sie sich nur montieren ließe und ordentlich pumpen würde.

Nein, es interessiert mich nicht, wer die Wasserpumpe meines Autos herstellt. Es interessiert mich auch nicht, ob meine Fahrradschläuche von Schwalbe sind. Mich interessiert, ob meine Ersatzteile funktionieren, wie lange sie durchhalten und wieviel sie kosten. Deshalb habe ich dann auch Schläuche im T€DI für 1,99€ gekauft.

Üblicherweise kommt dann das Sicherheitsargument. Doch dafür gibt es ja den TÜV und furchtbar viele Zulassunghürden (dazu gab es auf der SIGINT 12 einen guten Vortrag von Tim und Matthias Krauß). Und die meisten Teile, die man braucht sind ja auch keine Raketenwissenschaft mehr. Mag sein, dass einfache Fahrradschläuche 1950 ein kompliziertes Produkt waren, heute sind sie es nicht mehr. Und falls sie es doch sind, kann es eigentlich nur an irgendwelchen Kopierschutztechniken (in Akkus, Druckertinte, Rasierklingen) liegen, die die Gesellschaft durch geistiges Eigentum auch noch schützt. Wozu frage ich mich?

Warum sollte die Gesellschaft irgendwem ein Sondermonopol einräumen? Glaubt denn irgendwer, es würden keine Macbooks mehr gebaut werden, wenn es eine gute Konkurrenz bei Ersatzakkus gäbe? Warum sind denn alle bereit, diese unverschämten Preisaufschläge zu bezahlen?

Ich verstehe, dass für viele Menschen – da möchte ich mich auch gar nicht ausnehmen – die identitäre Funktion eines Produktes wichtig ist. Aber ist denn die andere Funktion nicht mehr wichtig? Bin ich der_die letzte arme Irre, der_die Dinge kauft, weil ich ihre ursprüngliche Kernfunktion verwenden möchte?

Kann ich bitte einfach eine einfache funktionale Variante haben? Und erweiterte Variante für Leute, die Geltungskonsum betreiben möchten? Danke, wäre nett.

Etwas ältere Literatur dazu gibt es von:
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