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scallo
18:39

Verunreinigt die deutsche Sprache!

Die deutsche Sprache zu schützen, diese Ziel vertreten ja einige Menschen. Klingt ja auch erst mal gut. Lasst uns das, was uns die Welt vermitteln, erfahren und konstruieren hilft, schützen.

Aber wovor (1) sollen wir sie denn beschützen? Und wer (2) sind überhaupt dieses „wir“? Und was (3) bitte ist die deutsche Sprache?

1: Ja, wovor eigentlich? Davor, dass sie sich verändert? Wodurch verändert sie sich denn? Es stiehlt ja niemand die guten alten Worte und lässt stattdessen neue da. Prinzipiell kann ich meine_n Freund_innen immer noch Buhle_r_n nennen. Ist nicht verboten, keine_r hindert mich daran. Nur irgendwie haben die Leute aufgehört das Wort Buhle_r zu benutzen und jetzt kennt es nicht mehr jede_r.
Es ist also der Gebrauch, der Sprache ändert. Sprache wird aktiv und permanent durch Gebrauch hergestellt. Und so kommen auch neue Worte für alte Dinge oder neue Worte für neue Dinge in Umlauf. Selbstverständlich kenne ich nicht alle Intention der Sprachbewahrenden, ich bin mir aber sicher, dass die meisten sich dann doch wünschen, dass Sprache benutzt wird. 

2: Wer sind „wir“ denn, dass „wir“ „unsere“ Sprache schützen sollen? Offensichtlich beschwören die Sprachbewahrenden eine Identität, die sie durch die gemeinsame Sprache gebildet sehen. Ob es die nun gibt oder nicht möchte ich den Sprechenden überlassen. Auffällig ist jedenfalls, dass sich die Sprachbewahrenden sehr oft über Worte echauffieren, die sie als „fremd“ wahrnehmen. Im 21. Jahrhundert vor allem Anglizismen, im 19. Gallizismen. Allgegenwärtig auch die Kritik an sämtlichen Sprachvarianten, die nicht zur „Hochkultur“ gezählt werden. 
Kiezdeutsch, Ruhrpottslang, Erikative, Rheinische Verlaufsform, Plattdütsch, … Die Liste ist lang.
Die Sprachbewahrenden denken dann über Verbote bestimmter Arten sich zu äußern nach (oder setzen sie auch um). Jede Art Deutsch zu sprechen transportiert bestimmte Inhalte und damit Identitäten, die also nach dem Willen der Sprachbewahrenden nicht sichtbar sein sollen. Stattdessen wird eine scheinbare Reinheit der deutschen Sprache verteidigt. Scheinbar, weil eben diese Sprache das Produkt permanenter Veränderungen, Erfindungen, Weglassungen, und (Re-)Importe ist.
Die Sprachbewahrenden laufen also einer konstruierten Identität hinterher, die sie entweder für essentiell halten müssen – aber trotzdem durch veränderte Rekonstruktion bedroht sehen. Fragt jetzt nicht nach Kohärenz – oder für konstruiert halten und einen bestimmten Zeitpunkt als Blüte wahrnehmen, zu dem die Sprache perfekt war. Wie eine alte stehengebliebene Sprache zur Beschreibung einer veränderten Welt am besten geeignet sein soll, verraten sie leider nicht.
Oder es geht ihnen gar nicht um die Sprache, sondern darum, bestimmte Menschen aus ihrer Idenität auszuschließen und zu „Anderen“ zu machen. Selbstverständlich hat das niemals etwas mit Rassismus, Chauvinismus, (Hetero-/-Cis-)Sexismus, Antisemitismus, Klassismus oder anderen Auschluss- und Unterdrückungsformen zu tun. NOT.

3: Die deutsche Sprache oder was dafür gilt ist also ein Werkzeug, mit dem nicht nur vordergründig die Dinge beschrieben werden, die man auf der ersten Ebene so mitteilen möchte, sondern auf weiteren Ebenen auch festgelegt wird, was es geben kann und soll und was nicht. 
 
Deshalb: Verunreinigt die deutsche Sprache!


p.s.: Und erst wenn 1,2 und 3 geklärt wurden, könnten sich die albernen Sprachbewahrenden überhaupt sinnvoll der Frage widmen, wie die deutsche Sprache überhaupt geschützt werden kann. Ich denke, die möglichen Antworten werden nicht sehr grundrechtekompatibel ausfallen.

p.p.s.: Dieser Text erschien zuerst als Kommentar auf einem ZDF-Blog. Er ist etwas länger geworden und ich habe ein paar Kleinigkeiten verändert, deshalb veröffentlich ich ihn hier noch mal separat. Außerdem hoffe ich auf eine gute Diskussion.

p.p.p.s.: Bitte korrigiert mich, so ich falsch liege, liebe Linguist_innen, Amateur_innen und andere Diskussionfreudige.

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Schweinderl